Baum im Sommer

Wenn Bäume erzählen könnten, würde mancher aufmerksame Mensch vielleicht ahnen, dass auch sie ein Eigenleben besitzen, allerdings ein anderes, als es Menschen und Tiere haben. Wenn man ihnen in vollkommener Stille lauschen würde, wäre man vielleicht imstande, Geschichten über sie selbst wahrzunehmen. Möglicherweise könnte ein Baum erzählen: Weiterlesen

Impressionen bei Tagesanbruch

Im Morgengrauen sind sie auf dem Heimweg. Die aus der Nacht kommenden Berufstätigen sitzen sich in der Straßenbahn schweigend gegenüber, schauen verschlossen vor sich oder schieben nur ab und zu Blinzelblicke durch die halbgeschlossenen Lider. Morgens sehen ihre Gesichter ausgelaugt und ausgewrungen aus, und Grauschleier der Erschöpfung hängen unter ihren Augen. Die Fahrgäste kennen sich, ohne befreundet zu sein, sie kennen sich, ohne dabei zu wissen, wer der andere ist. Sie sind eine übermüdete Gemeinschaft. Abgekämpft steigt ein Arbeiter der Eisenhütte ein. Seine leere Brotdose und die Thermoskanne sind in seiner alten Ledertasche. Er gleitet auf einen freien Sitz und schläft oberflächlich ein. Weiterlesen

Die Austerntorte

Mein Schwiegervater hatte Geburtstag. Ich mag ihn sehr gern, und er hat nichts dagegen einzuwenden, dass ich ihn mit seinem Vornamen Paul anrede. Wir saßen auf der Terrasse, um miteinander Kaffee zu trinken. Mein Mann, sein Bruder, meine Schwägerin und ich waren eingeladen, und Sybille, die jüngste Schwester von Johannes und Andreas, hatte sich, wie schon häufig, verspätet. Weiterlesen

Wiedersehen mit Gebler

Die Sommerferien waren zu Ende. Wie immer, waren sie mir zu kurz vorgekommen, obwohl ich gern in die Schule ging. Herr Kunze teilte die schwarzen Aufsatzhefte mit dem roten Rücken aus und sagte gut gelaunt: „Wir schreiben heute einen Aufsatz: ‚Ein besonderes Ferienerlebnis‘.“
Ich seufzte. Es war fast in jedem Jahr das Gleiche, und ich weiß nicht, ob es aufgefallen wäre, wenn ich den  Aufsatz vom letzten Jahr nur neu geschrieben und abgegeben hätte. Weiterlesen

In Reih‘ und Glied

Eine lange Reihe weißer Knöpfe hockte eng festgezurrt neben einer vornehmen Knopflochleiste. Einige ruckelten sich ärgerlich hin und her, ihnen war es zu eng hier. Sie waren es gewohnt, entweder locker in einem Kasten zu liegen oder auf einer kleinen Pappkarte in einem Geschäft an der Wand zu hängen, jeder in einem angenehmen Abstand zum anderen. Dort konnten sie noch an den anderen vorbeispähen oder direkt in den Raum hineinblicken, doch hier waren alle so gleichmäßig befestigt, dass es unmöglich war, den Blick auch nur zur Seite richten zu können. Andere Knöpfe dagegen freuten sich, so viele Freunde und Bekannte zu treffen, doch auch sie vermochten sich kaum anzusehen, lediglich ihre knarzenden Stimmen auf diesem edlen Stoff gaben ein leises Echo wider. Weiterlesen

Drei, Zwei, Eins, Meins

Es hat mich erwischt. Nie hätte ich gedacht, dass ich dieser seltsamen Zählweise so verfallen könnte: Drei Zwei Eins Meins . Es sind neuzeitliche Stoßgebete und ausgelegte Köder.  Ich muss mich regelrecht zwingen, die Hausarbeit schnell zu Ende zu bringen, denn mein Internet-Fieber steigt. Weiterlesen

Kleines Glück

Drückende Sommerhitze lag über der kleinen Stadt, und wochenlang hatte es schon nicht mehr geregnet. Kruse ging mit seiner Einkaufstasche auf das graue Mehrfamilienhaus zu und wischte sich mit seinem Taschentuch über die Stirn. Er war nun 75 Jahre alt, und das heiße Wetter machte ihm zu schaffen. Während er den Schlüssel in das Haustürschloss steckte, bemerkte er einen mageren Jungen, der in einen der fast vollen Glascontainer vorsichtig und nahezu geräuschlos einige Flaschen hineinschob. Dabei sah sich der Bub mehrmals zu beiden Seiten um, und als er erneut in die noch halbgefüllte Tüte greifen wollte, zerriss einer der Henkel, und der Rest der leeren Flaschen polterte heraus und zersplitterte. Weiterlesen