Herbstfeuer

Die Arme um sich gelegt, starrte der Mann hinaus auf die Straße. Ihn störte der Lärm der Kinder, die zwischen parkenden Autos spielten. Unwirsch schloss er das Fenster. Obwohl es Spätsommer war, fror er. Im Kamin neben ihm schwelte ein kümmerliches Feuer. Der Mann hatte die Altersgrenze in seinem Berufsleben erreicht. Nun sträubte er sich, den neuen Lebensabschnitt zu akzeptieren. Weiterlesen

Lebenszeichen

Die alte Frau stand mit gebeugtem Rücken an der Wasserstelle. Als der hohle Klang in ihrer Kanne heller und satter wurde, drehte sie den Wasserhahn umständlich zu. Sie presste die Lippen zusammen und setzte das Gefäß auf den Boden. Obwohl die tiefstehende Nachmittagssonne sie blendete, nahm sie den Mann wahr, der ebenfalls zur Brunnenanlage kam. In diesem gleißenden Gegenlicht wirkte sein lichtes Haar flirrend wie ein Heiligenschein, sein Gesicht aber lag im Schatten. Weiterlesen

Endlich Urlaub

„Unter anderem ist die Stadt Boston bekannt durch ihr weltberühmtes Sinfonieorchester…“, las ich erneut im Reiseführer, ehe das Flugzeug startete. Ich freute mich auf Boston. Lange hatte ich für diesen Flug gespart. Ich war mir sicher, dass ich an solch eine aufregende Reise noch lange denken würde. Obwohl ich noch nie geflogen war, genoss ich den Start des Flugzeugs wie auch das großartige Gefühl, über der Erde zu schweben. Weiterlesen

Die Geldtasche

„Willst Du doch wieder einen Lehrling einstellen? Vor einiger Zeit hast du es noch strikt abgelehnt“. Sigrid Wolff zündete sich eine Zigarette an und wandte sich gereizt ihrem Mann zu. „Aber bitte keinen Ausländer, Türken oder so“.
Martin Wolff ließ die Zeitung sinken.
„Heinrich Schmidt muss seine Werkstatt aufgeben. Er hatte einen Schlaganfall. Und sein Azubi Ahmed ist mit seiner Ausbildung noch nicht fertig. Das sind die besten Voraussetzungen für junge Leute, auf die schiefe Bahn zu kommen.“
„Und du musst natürlich wieder die Welt retten und die Probleme anderer lösen!“
„Ich will nicht die Welt retten, aber wenigstens seine Ausbildung sichern. Lass das also meine Sorge sein“. Weiterlesen

Warten auf Weihnachten

Menschen hasten mit prall gefüllten Einkaufstaschen durch die Straßen. Hektik liegt in der Luft. An Heiligabend sind die Geschäfte nur bis zum Mittag geöffnet: Es ist die letzte Gelegenheit, einzukaufen. Die Weihnachtsbäume sind fast fertig geschmückt, es fehlen nur noch die goldenen Kugeln, in denen sich die Kerzen festlich spiegeln können. In den Feinkostgeschäften sind die geräucherten Forellenfilets wie auch der russische Kaviar beinahe ausverkauft.   Weiterlesen

Paradiesische Zustände

Als Eva einmal keine Lust hatte, das Paradies aufzuräumen sowie Nuss,- Bananen- wie auch Orangenschalen in die grüne Tonne zu sortieren, dachte sie daran, Adam einfach mal zu überraschen und ihn vom ständigen Faulenzen abzulenken. So färbte sie sich die Lippen mit Roter Bete dunkelrot und beugte sich über den kleinen Teich mit den Seerosen, um sich im Wasserspiegel zu betrachten.  Sie steckte sich noch eine Blüte ins Haar und nickte sich zufrieden zu. Weiterlesen

Die Herbergssuche

Seit einigen Stunden schneite es unablässig, und im Gegenlicht der Straßenlaterne wirkten die kreisenden Schneeflocken wie angreifende Insekten. Iris nahm ihren Blick zurück, wischte sich über das Gesicht und sah dem davonfahrenden Nachtbus nach. Sie griff nach ihrer schweren Reisetasche und stapfte im Storchengang durch den kniehohen Schnee. Wie oft war sie diesen Weg mit Max gegangen, als sie noch ineinander verliebt waren, als sie beide als Achtzehnjährige Pläne für eine gemeinsame Zukunft gemacht und sich ewige Treue geschworen hatten. Seitdem war ein Jahr vergangen, dass sie ihn doch verlassen hatte.
Es brannte noch Licht im oberen Stockwerk des roten Backsteinhauses. Offensichtlich war Max zuhause und noch nicht zu Bett gegangen. Iris atmete auf und hoffte, dass sie bei ihm bleiben konnte, wenigstens in dieser Nacht. Schritt für Schritt tastete sie sich zum Haus vor, und nicht nur der schlecht ausgeleuchtete Weg machte ihr zu schaffen, auch ihr Gang war in den letzten Wochen schwerfällig und unsicherer geworden. Weiterlesen

Zwischen Sommerende und Herbstanfang

Zwischen Sommerende und Herbstanfang liegt eine sehr winzige und freundliche Spanne. Sie lässt jedem von uns Raum, in ganz persönlicher Weise vom Sommer Abschied zu nehmen. Doch auch der schönste Sommer muss im Staffellauf der Jahreszeiten den Stab übergeben. Die schon tiefstehende Sonne ist das freundliche Augenzwinkern des Herbstes. Jedoch abends haucht der Herbst mit feuchtem Atem seinen Vorgänger fort. Das Tageslicht wird spärlicher, die Nächte werden kühler, und über Straßen und Wiesen kriechen die Nebel.
Zwischen Sommerende und Herbstanfang ist nur eine kleine Frist für einen Abschied, der eher wie eine Mitteilung ist. Auf dem Kalenderblatt steht nur schlicht gedruckt ein Wort mehr als noch gestern: Herbstanfang. Und doch ist es, als würde man auf einmal älter und reifer, um begreifen zu können, dass nichts bleibt außer den Erinnerungen, die man sammeln kann wie reife Kastanien, die die Herbststürme von den Bäumen gerüttelt haben.

Abschied von Großvater

Nun war auch der letzte der Umzugswagen fortgefahren, und ich stand allein in den leeren Räumen der alten Villa. Der  Geruch von abgestandener Zeit hing in der Luft. Es war, als wäre gerade ein Tropfen 4711 zu Boden gefallen neben einen noch glimmenden Zigarrenstummel. Meine Schritte halten auf dem abgetretenen Parkett. Als ich mich noch einmal umsah, fiel mein Blick auf eine der Fußbodenleisten neben dem Kamin. Sie war leicht aufgequollen und hatte sich an einer Ecke von der Wand gelöst. Leicht gebückt, blickte ich seitlich in die Ritze, und trotz meiner häufig splitternden Fingernägel zog ich die lackierte Bodenleiste von der Wand ab. Zwar hatte ich Angst vor toten Mäusen, und dennoch griff ich so weit in den dunklen Spalt hinein, bis ich einen knisternden großen Umschlag zu fassen bekam. Der grau-braune Brief, mit Feldpostbriefmarken frankiert, wirkte verschlissen und war an den Ecken abgestoßen. Ich erkannte Großvaters Schrift, steil, militärisch korrekt und respekteinflößend. Ich hatte Großvater geliebt; er als Arzt war immer mein Vorbild für Menschenliebe und Großherzigkeit  gewesen. Seine Strenge wie auch seine Güte glaubte ich wieder zu spüren; sie hatte für mich auch als Synonym für Gerechtigkeit gestanden. Doch er war schon viele Jahre tot, und Oma lebte in einem Altenheim in ihrer eigenen Welt. Ich hätte sie gern nach vielem gefragt, nach der Familiengeschichte und ihrem persönlichen Glück und auch, wann ihre beste Zeit in ihrem Leben gewesen war. Aber sie konnte mir meine Fragen nicht mehr beantworten.
Der dicke Umschlag war nur lose ineinandergesteckt. Es waren Briefe, die die Großeltern sich in der Kriegszeit geschrieben hatten, vermutlich Liebesbriefe, weil sie einander so fern gewesen waren.
Die Briefe rutschten aus dem Umschlag, und nun lagen sie unsortiert vor meinen Füßen. Unschlüssig betrachtete ich sie erneut. Durfte ich Liebesbriefe lesen? Ich beruhigte mein Gewissen, indem ich mich daran erinnerte, wie häufig und auch gern mir Oma oder Großvater Geschichten aus ihrem Leben erzählt hatten. Deshalb raffte ich alle Briefe zusammen und öffnete zunächst einen, den Großvater an Oma geschrieben hatte.
„Liebe Hilde,
seit gestern bin ich leitender Arzt der Klinik Spiegelgrund. Diese Arbeit betrachte ich als Berufung, die mich herausfordert und erfüllt. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie aufschlussreich sämtliche meiner medizinischen Versuche an behinderten Kindern sind. Wirklich, Du kannst stolz auf mich sein.
Heil Hitler!
Dein Hermann“

Ein neues Verhältnis

Meine Freundin bekommt glänzende Augen, wenn sie von dem spricht, der ihr sehr wichtig ist. Ja, sie habe einen neuen, flüstert sie mir schon im Hausflur zu, und der sei wirklich für alles zu gebrauchen. Nein, nicht nur für Alltägliches, ach was, dieser sei für beinahe alle Fälle zur Stelle. Sie schiebt mich wie aufgedreht ins Wohnzimmer und schließt, gegen ihre Gewohnheit, die Zimmertür hinter sich. Weiterlesen